Am 3. Oktober 2007 bestiegen 14 Schülerinnen und Schüler des Französisch-Neigungskurses mit ihrer Lehrerin A. Löcherbach um 8 Uhr früh am Geschwister-Scholl-Gymnasium erwartungsvoll den Bus Richtung Frankreich. Als Abschluss einer Unterrichtsreihe zum Thema „L’Alsace – région européenne entre la France et l’Allemagne“, in der sie die wechselhafte Geschichte des Elsass kennen gelernt hatten, sollten sie nun Gelegenheit bekommen, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Besonders hervorzuheben ist, dass es zwei Schülerinnen waren, die die Reise und das gesamte Programm im Rahmen einer GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) selbst organisiert hatten.
Nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt hatten wir unser erstes Ziel erreicht: 40 Kilometer westlich von Straßburg, mitten in den Vogesen, liegt das Örtchen Schirmeck, das seit 2005 ein sowohl architektonisch als auch museumsdidaktisch avantgardistisches Museum besitzt: Das Mémorial de l’Alsace, 2005 vom französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac eingeweiht, lässt den Besucher die Geschichte des Elsass und seiner Einwohner, die zwischen 1871 und 1945 viermal die Staatszugehörigkeit wechselten, sehr anschaulich nacherleben. Nach einem Überblicksraum, der die Geschichte bis 1939 dokumentiert, durchläuft man im wahrsten Sinne des Wortes die Jahre des zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart. Der Besucher kann sich in originalgetreu nachgebauten Eisenbahnabteilen in die Situation der vielen Elsässer versetzen, die noch vor Kriegsbeginn ins Landesinnere Frankreich emigrierten, er empfindet die Beklemmung der Soldaten nach, die während der „drôle de guerre“ acht Monate in den Festungen der Maginot-Linie auf den deutschen Angriff warteten, er geht durch nachgebaute Straßenzüge, an deren Wänden die Originalplakate aus der Zeit der nationalsozialistischen Unterdrückung zu lesen sind („Hinaus mit dem welchen Plunder!“), er befindet sich plötzlich in einem Raum, in dem junge Elsässer und Lothringer noch gegen Ende des Krieges von den Nazis zwangsrekrutiert wurden, durchläuft einen finsteren, zuweilen von grellen Lichtern erhellten Waldstreifen, um am Wegrand von den zahlreichen Fluchtversuchen dieser „malgré nous“ zu erfahren, und kommt schließlich beim Kriegsende an. Weitere Dokumente und Räume führen über die Nachkriegsgeschichte geradewegs nach Europa. Die Europa- und Friedensmission des Elsass erschließt sich sehr eindrucksvoll aus dem zuvor Erlebten. Während des Museumsbesuchs konnten die Schülerinnen und Schüler, ausgestattet mit Audioguides, selbst Schwerpunkte setzen. Sie zeigten sich allesamt sehr beeindruckt sowohl von den Inhalten, als auch von der museumsdidaktischen Aufbereitung, die ihresgleichen sucht.
Nach einem Picknick brachte uns der Bus in das nur 10 Kilometer entfernt gelegene Konzentrationslager Natzweiler – Le Struthof. Keiner der mitreisenden Schülerinnen und Schüler hatte bislang ein Konzentrationslager besucht. Die beiden Schülerinnen, die die Fahrt vorbereitet hatten, führten uns mithilfe einer Textsammlung des Dokumentationszentrums, die sie am Eingang erhalten hatten, nun zu den einzelnen Stationen des Grauens. Dort fassten sie jeweils die wichtigsten Informationen zusammen und lasen aus Zeugnissen von Überlebenden vor. Die eben noch recht ausgelassene Stimmung war nun sehr gedrückt. Besonders still wurden die Schülerinnen und Schüler im Zellenblock, in dem der Prügelbock dunkelste Bilder der Vergangenheit heraufbeschwor, und im benachbarten Krematorium, das außerdem zur Hinrichtung von Häftlingen und zur Durchführung grausamer medizinischer Experimente genutzt wurde. Ein Besuch im Museum des KL vertiefte und ergänzte die gewonnenen Eindrücke.
Am frühen Abend fuhren wir zurück nach Straßburg und bezogen unsere Zimmer im IBIS-Hotel. Abends aßen wir gemeinsam Flammkuchen „à volonté“ im „Appart à tartes“, danach bummelten wir noch ein wenig durch die erleuchtete Altstadt Straßburgs und genossen den für die Jahreszeit ungewöhnlich milden Abend.
Nachdem der erste Tag der Reise einen historischen Schwerpunkt gesetzt hatte, war der Fokus des zweiten Tages stärker auf die Stadt Straßburg und auf die europäische Gegenwart des Elsass bezogen.
Wir begannen unser Programm in der Münsterbauhütte. Eine sehr kenntnisreiche Kunsthistorikerin führte uns nach einem Überblick über die Geschichte des Münsters anhand von Modellen in die Werkstatt der Steinmetze und Bildhauer der Münsterbauhütte. Diese Institution ist in Frankreich einzigartig: Sie besteht seit dem 13. Jahrhundert, hat das Straßburger Münster erbaut und hält es heute mit ihren 40 Mitarbeitern in Schuss. Es war eindrucksvoll zu sehen, mit welcher Akribie die Bildhauer heute nach den vorhandenen Gipsmodellen die beschädigten Figuren Punkt für Punkt von Hand nachgestalten. Für eine große Steinfigur brauchen sie oft länger als ein Jahr!
Das herrliche Wetter genossen wir anschließend bei einer Besichtigungsfahrt mit dem Boot. Es umfuhr den von der Ill umflossenen Stadtkern und führte uns dann – ebenfalls auf Wasserwegen - in den Nordosten der Stadt, wo die Schülerinnen und Schüler die teils gigantischen Gebäude der europäischen Institutionen – den Sender Arte, das europäische Parlament, den Europarat und den Europäischen Gerichtshof der Menschenrechte –bestaunten. Welch ein Kontrast zu den eben noch von der Schleuse aus bewunderten Fachwerkhäuschen der „petite France“! Die vielen Facetten Straßburgs zogen hier in einer Stunde eindrucksvoll an uns vorbei.
Nach der Bootsfahrt blieb noch ein wenig Zeit zur Besichtigung des Straßburger Münsters und der Altstadt, bevor wir uns am frühen Nachmittag im Hotel trafen, unser Gepäck in den Bus luden und zu unserem letzten Programmpunkt aufbrachen: dem Europarat, le Conseil de l’Europe. Dort erhielten wir zunächst in einem kurzen Film die wichtigsten Basisinformationen über die Hintergründe und Funktion des Europarats. Besonders spannend war es, dass wir im Anschluss eine Stunde lang einer Sitzung der parlamentarischen Versammlung (Assemblée parlementaire) beiwohnen durften, die gerade über die Frage diskutierte, wie die 47 Mitgliedsstaaten mit der Frage der Prostitution umgehen wollen. Die Schülerinnen und Schüler lauschten gebannt und fanden es natürlich auch höchst interessant, an ihrem Kopfhörer immer wieder die Schalter umzulegen, um den Simultanübersetzern in den verschiedenen Sprachen zuzuhören – Ein eindrucksvoller Beleg für die Nützlichkeit des Fremdsprachenlernens!
Nach ereignisreichen zwei Tagen saßen wir schließlich wieder im Bus. Bald schon wurde es ruhig … und als wir schließlich um 19.30 Uhr wieder in Sillenbuch am Geschwister-Scholl-Gymnasium ankamen, hatten die meisten schon ein bisschen Schlaf nachgeholt.
Die Fahrt wurde finanziell unterstützt von der Stadt Stuttgart (im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Straßburg) und dem Regierungspräsidium Stuttgart (Gedenkstättenfahrt zum KL Natzweiler-Struthof).
Stuttgart, 10. Oktober 2007
Anne Löcherbach